| Prof. Baum ist Facharzt für Nuklearmedizin und Chefarzt der Klinik
für Nuklearmedizin und des PET-Zentrums der Zentralklinik Bad Berka - in der Nähe
von Weimar gelegen - sowie Professor für Nuklearmedizin mit Lehr- und
Forschungstätigkeit am Klinikum der Universität Frankfurt am Main. Er ist u. a. Mitglied
der EORTC (europäische Krebsorganisation) und als Berater tätig für die WHO, die IAEA
(internationale Atomenergiebehörde), das Paul-Ehrlich-Institut und die EMEA (europäische
Arzneimittelbehörde). Er ist Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Fachgesellschaften
und im Editorial Board mehrerer medizinischer Fachzeitschriften. Seine Publikationsliste
umfasst über 100 Originalarbeiten, er ist Autor und Mitherausgeber mehrerer Fachbücher,
Verfasser mehrerer Handbuchartikel und wurde weltweit zu zahlreichen wissenschaftlichen
Vorträgen eingeladen.
Seine klinischen und wissenschaftlichen Arbeitsgebiete betreffen vor allem die nuklear-medizinische
Diagnostik und Therapie von Tumoren sowie von kardiovaskulären Erkrankungen (z.B.
koronare Herzkrankheit), renalen (Nierenkrankheiten) und neuromedizinischen Erkrankungen
(u.a. Hirntumordiagnostik und Therapie).
Besonders intensiv hat er sich mit kolorektalen Tumoren (Darmkrebs), Lungenkarzinomen,
Ovarial- und Brustkrebs sowie mit Schilddrüsenkarzinomen und neuroendokrinen Tumoren
beschäftigt.
Prof. Baum begann mit seiner Frankfurter Arbeitsgruppe bereits 1984, die Radio-Rezeptor-Therapie
mit Iod-131 MIBG zur Behandlung bestimmter Tumoren (z.B. maligner Phäochromozytome
oder Neuroblastome sowie Paragangliome) einzusetzen.
Die erste Radioimmuntherapie in Deutschland wurde von ihm und seiner Arbeitsgruppe schon
1985 durchgeführt, die erste Radiorezeptortherapie mit Yttrium-90 DOTATOC zur Behandlung
eines neuroendokrinen Tumors bereits 1997.
Die nuklearmedizinische Diagnostik und Therapie mit sogenannten offenen radioaktiven
Substanzen beruht darauf, dass bestimmte spezifische Stoffwechselvorgänge oder
Zelleigenschaften gezielt ausgenutzt werden. Am bekanntesten ist die Behandlung von
Schilddrüsenüberfunktionen und Schilddrüsenkarzinomen mit radioaktiven Iod
(Radio-Iodtherapie), welche bereits seit 60 Jahren etabliert ist. Hierbei wird die
Fähigkeit der Schilddrüsenzellen und auch der sogen. Differenzierten
Schilddrüsenkarzinomzellen genutzt, Yod spezifisch aufzunehmen und zu verstoffwechseln,
eine Eigenschaft, die keine andere Körperzelle besitzt. Mit der Radio-Iodtherapie können
auch metastasierte Schilddrüsenkarzinome ohne wesentliche Nebenwirkungen für den
Patienten geheilt (!!) werden, ein Erfolg, von dem man sonst in der Tumortherapie oft nur
träumen kann.
Das Vorhandensein spezifischer Ankerstellen, sogen. Rezeptoren auf der
Zelloberfläche von Tumoren ermöglicht es, dass sich bestimmte Substanzen (sogen.
Rezeptorliganden ) passgenau an diese Ankerstellen anlagern (so etwa wie ein Schlüssel
nur in ein ganz bestimmtes Schloss passt)
Einer dieser Ankerstellen ist der Somatostatinrezeptor, an den sich als Ligand spezifisch
das Somatostatin (ein Gegenspieler zum Wachstumshormon) anlagert. Das Somatostatin ist ein
kleines Eiweißmolekül (Peptid), welches mit radioaktiven Strahlern, sogen. Isotopen,
markiert werden kann und das nach intravenöser Injektion dann von außen mittels
spezieller Aufnahmesysteme (Gammakameras oder PET Scannern) nachzuweisen ist. Bindet man
einen therapeutischen Strahler, wie den Betastrahler Yttrium-90, an das Peptid,
dann kann man damit Tumoren "von innen" bestrahlen, da sich das
Radiopharmazeutikum spezifisch im Tumor anreichert.
Die nuklearmedizinische Therapie ist seit Jahrzehnten bekannt und und im klinischen
Routineeinsatz. Weltweit wuden Millionen Patienten erfolgreich mit Radionukliden
behandelt. Auch die Radio-Rezeptor-Therapie (RRT) wird seit nahezu 20 Jahren von
Nuklearmedizinern durchgeführt , es bestehen somit umfangreiche Erfahrungen in der
Indikationsstellung und in der Erfolgskontrolle.
Neu bei der RRT mit Y-90 markierten Abkömmlingen (Analoga) des Somatostatins ist
lediglich die Substanz, die zur Therapie verwendet wird, nicht das Verfahren an sich.
Vergleichbar ist dies etwa mit der Arbeit eines Chirurgen, der ein neuartiges Skalpell zur
Operation verwendet, mit dem er noch persönliche Erfahrungen sammelt (deswegen muß er
aber nicht den Beruf des Chirurgen neu erlernen oder sich das Operationsverfahren erneut
aneignen!).
Insofern ist die Behauptung mancher Bedenkenträger im Gesundheitssystem, dass es
sich bei der RRT um ein grundsätzlich neues Verfahren handelt, nicht korrekt.
Richtig ist vielmehr, dass es zwingend notwendig ist, weitere Erfahrungen zu sammeln
und vor allem interdisziplinär, d. h. durch enge Zusammenarbeit der verschiedenen
Spezialisten zum richtigen Zeitpunkt die richtige Therapie anzuwenden.
Für die neuroendokrinen Tumoren gilt dies in besonderem Maße: Bei der Diagnosestellung
und der Entfernung des Primärtumors sind vor allem der jeweilige Organspezialist (meist
Internisten, der Pathologe und der Chirurg) gefragt.
Hiernach sollte zur Ausbreitungsdiagnostik (Staging) bereits der Nuklearmediziner mit
einbezogen werden, da die Somatostatin-Szintigraphie das empfindlichste und
spezifischste Verfahren darstellt, um Absiedlungen (Metastasen) mit einer
Ganzkörperuntersuchung nachzuweisen.
Als Verfahren werden hierbei die Szintigraphie ( Emissions-Computertomographie, ECT)
oder die Positronen-Emissions-Tomographie (PET) mit markierten Somatostatin-Analoga als
extrem genaue Verfahren eingesetzt.
Werden Metastasen nachgewiesen, muss entschieden werden, ob eine nochmalige Operation
("Debulking") bei vereinzelten Herden in Frage kommt, oder ob eine biologische Therapie
(z.B. mit Sandostatin, einem nicht radioaktiv markierten Abkömmling des Somatostatins
evtl. kombiniert mit Alpha-Interferon), eine Chemotherapie oder eine regionale
Behandlungsmethode (z.B. Chemoembolisation von Lebermetastasen, Radiofrequenzablation oder
LITT) oder eine RRT die zu einem bestimmten Zeitpunkt beste Therapie darstellt.
Bei Vorliegen multipler Metastasen gibt es derzeit kein einzelnes Therapieverfahren,
welches die Krankheit bei jedem Patienten definitiv heilen kann. Es kommt daher besonders
darauf an, die Therapie auszuwählen, die maßgeschneidert und individuell für jeden
einzelnen Patienten
Einen bestmöglichen Erfolg mit möglichst geringen Nebenwirkungen und guter
Lebensqualität garantiert.
Behandlungen mit Y-90 markierten Somatostatin-Analoga (u.a. DOTATOC) an mehreren
europäischen Universitätskliniken und onkologischen Zentren (z.B. Basel, Mailand,
Rotterdam, Brüssel, Wien, London, Bad Berka u.a.) haben in den letzten 5 Jahren bei
inzwischen 1000 behandelten Patienten gezeigt, dass die RRT ein wirksames Verfahren zur
Behandlung von rezeptorpositiven neuroendokrinen Tumoren darstellt.
So kam es am EIO in Mailand bei nahezu einem Drittel der behandelten Patienten zu einer
partiellen oder kompletten Tumorrückbildung, in Basel bei 50 % der Patienten zu einer
Stabilisierung ( stable disease) der Erkrankung und bei 80 % der Patienten zu einer
Besserung der Krankheitssymptome.
Bei Einhaltung entsprechender Maßnahmen ("Nierenschutz" mit
Aminosäureinfusionen) traten keine oder nur geringe, meist voll reversible Nebenwirkungen
auf.
Es bleibt zu hoffen, dass nach Abschluss der laufenden Studien baldmöglichst eine
europäische Zulassung bei der EMEA ("orphan drug indication") erfolgt und damit
der Status des "Heilversuchs", wie derzeit die Therapie in Deutschland noch
bezeichnet werden muss, aufgehoben wird.
Weitere Langzeitbeobachtungen müssen helfen, die noch ausstehenden Fragen zu klären,
z.B., ob durch die RRT eine deutliche Kosteneinsparung im Gesundheitswesen möglich ist,
da die Gesamtkosten für die Behandlung deutlich niedriger sind als z.B. die Ausgaben für
die monatliche Therapie mit langwirkenden Somatostatinanaloga; Gleichzeitig der Effekt auf
das Tumorwachstum durch die RRT erheblich größer. Zu klären ist auch, inwiefern der
frühe Einsatz der RRT bei kleinen Tumoren die Wirksamkeit noch erhöhen kann.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass die nuklearmedizinische Diagnostik und Behandlung
von Tumoren mit Radionukliden seit Jahrzehnten etabliert ist, und dass vor allem in der
Therapie von neuroendokrinen Tumoren in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte erzielt
wurden.
Eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit, die Wahl der richtigen Therapie zum richtigen
Zeitpunkt, und eine individuell maßgeschneiderte Behandlung können sicherlich dazu
beitragen, künftig die Prognose von Patienten mit neuroendokrinen Tumoren zu verbessern.
Bad Berka, den 17. März 2003 |