Multiple endokrine Neoplasie Typ 1
PD Dr. Ursula Plöckinger
Oberärztliche Leitung Interdisziplinäres Stoffwechsel-Centrum
Charité, Universitätsmedizin Berlin Campus Virchow-Klinikum
Medizinische Klinik mit Schwerpunkt Hepatologie und Gastroenterologie
Die multiple endokrine Neoplasie ist eine seltene, hereditäre Erkrankung mit
Überfunktion mehrerer endokriner Organe. Die Krankheitsbezeichnung spiegelt diese
Tatsache gut wider: Multipel = mehrfach, viele; endokrin = Hormone oder Botenstoffe
ausschüttende Zellen betreffend; Neoplasie = Neubildung bzw. Tumor; Typ 1 = wird
eingesetzt zur Differenzierung gegenüber ähnlichen Erkrankungen, z.B. MEN Typ 2a und MEN
Typ 2b.
Die von der multiplen endokrinen Neoplasie (MEN Typ 1) betroffenen Organe sind die
Nebenschilddrüse, die Bauchspeicheldrüse und die Hirnanhangdrüse.
Nebenschilddrüse
Es kommt zu einer Überfunktion oder der Entwicklung eines Tumors der Nebenschilddrüse
mit vermehrter Bildung von Nebenschilddrüsenhormon (Parathormon). Parathormon ist für
die Regulation des Kalzium- und Phosphatstoffwechsels erforderlich. Wird zuviel
Parathormon produziert, so führt dies zu einer Entkalkung des Knochens, zu Nierensteinen
und Magengeschwüren, kurz: Bein-Stein-Magenpein".
In der Regel liegen mindestens vier Nebenschilddrüsen vor. Die Therapie einer
Nebenschilddrüsenüberfunktion besteht in der operativen Entfernung der vergrößerten
(hyperplastischen) Nebenschilddrüsen bzw. der Entfernung von Nebenschilddrüsentumoren
(Nebenschilddrüsen Adenomen). Zur Verhinderung eines postoperativen Mangels an
Parathormon wird in der Regel ein kleiner Rest einer Nebenschilddrüse belassen.
Endokrine Neoplasien der Bauchspeicheldrüse
50 % der auftretenden Tumore sind Gastrinome. Sie bilden Gastrin. Dies führt zu
Geschwüren im oberen Gastrointestinaltrakt. Die im Rahmen eines MEN-1 auftretenden
Gastrinomen können bösartig (60 %) oder gutartig (40 %) sein. 25 % der bei MEN-1
vorkommenden Bauchspeicheldrüsentumore sind Insulinome, d.h. Insulin produzierende Tumore
der Langerhansschen Zellen der Bauchspeicheldrüse. Diese Tumore schütten vermehrt und
ungeregelt Insulin aus. In der Folge kommt es zu Unterzuckerungen mit den Symptomen
Hungergefühl, Schweißausbruch, Zittern bis hin zur Bewusstlosigkeit oder
Krampfanfällen. Insulinome sind selten bösartig. Die restlichen Tumore der
Bauchspeicheldrüse sind sog. nicht funktionelle Tumore (25 %). Diese
sind in der Regel gutartig. Etwa 5 % können eine bösartige Entwicklung aufweisen.
Die primäre Therapie dieser Tumore der Bauchspeicheldrüse ist die Operation, wobei für
Gastrinome und Insulinome die Lokalisation der häufig sehr kleinen (unter 1 cm
durchmessenden) Tumore schwierig ein kann und eine aufwändige Diagnostik erforderlich
macht.
Adenome der Hirnanhangdrüse
Adenome der Hirnanhangdrüse können im Rahmen der multiplen endokrinen Neoplasie
auftreten. Sie sind meist funktionell. Am häufigsten kommen sog. Prolaktinome
vor. Diese führen zu vermehrtem Milchfluss aus der Brust, Verlust der Libido und zu
Sterilität. Derartige Tumore können gut medikamentös behandelt werden. Wachstumshormon
ausschüttende Tumore führen zum klinischen Bild der Akromegalie. Die
Therapie besteht in einer Operation des Tumors der Hirnanhangdrüse und ggf. in einer
medikamentösen Behandlung mit Somatostatinanaloga. Nicht funktionelle Tumore
der Hirnanhangdrüse sind meist groß und führen von daher zu Einschränkungen des
Gesichtsfeldes durch Druck auf den Sehnerven und zu Verlust der hypophysären
Partialfunktionen. Dies ist insbesondere von Bedeutung, da die Hirnanhangdrüse das
Steuerungsorgan der wesentlichen hormonellen Regelkreise des Körpers ist und ein Mangel
dieser Hormonfunktion in bestimmten Situationen lebensbedrohlich sein kann.
Die genannten Störungen treten meist in einer festen zeitlichen Abfolge auf. Zunächst
wird die Überfunktion der Nebenschilddrüsen manifest. Dann zeigen sich Tumore der
Bauchspeicheldrüse und/oder der Hirnanhangdrüse. Patienten mit einer multiplen
endokrinen Neoplasie Typ 1 haben zu 97 % eine Nebenschilddrüsenüberfunktion, bis zu 80 %
weisen einen Bauchspeicheldrüsentumor und etwa 50 % einen Tumor der Hirnanhangdrüse auf.
Alle genannten Tumore können multipel auftreten.
Epidemiologie
Die Erkrankung ist selten. Es wird von einer Häufigkeit zwischen 2-20 Patienten pro 1 Mio
Einwohner ausgegangen. Dies bedeutet, dass z.B. in Berlin 7-70 Patienten (3,5 Mio
Einwohner) an dieser Krankheit leiden. Das besondere an einer multiplen endokrinen
Neoplasie ist, dass es sich hierbei um eine hereditäre Tumorerkrankung
handelt, d.h. die Störung ist erblich.
Was bedeutet das?
Jeder Mensch verfügt über einen Chromosomensatz von 22 doppelt angelegten Chromosomen,
wobei je ein Chromosom vom Vater oder der Mutter stammt. Zusätzlich kommt ein weiteres
Chromosomenpaar mit einem X- und einem Y-Chromosom hinzu, das für die
Geschlechtsbestimmung entscheidend ist. Bei der multiplen endokrinen Neoplasie Typ 1 ist
die Störung auf dem Chromosom 11 lokalisiert. Chromosomen sind die Träger von Genen.
Gene wiederum sind die Träger der Erbinformation. Diese Erbinformation ist mit
Nukleinsäuren in der Desoxynukleinsäure (DNA) kodiert. Diese einzelnen Nukleinsäuren
bilden die Buchstaben des genetischen Codes. Kommt es zu einem Fehler in dieser
genetischen Schrift, so wird die Schrift falsch abgelesen und in der Folge ein
fehlerhafter Eiweißstoff gebildet.
Bei der multiplen endokrinen Neoplasie liegt der Fehler im sog. MEN-Gen, dessen Genprodukt
ein Eiweißstoff namens Menin darstellt. Menin greift in die Zellteilung der einzelnen
Zellen ein und verhindert ungeregeltes Wachstum. Mit anderen Worten: das MEN-Gen ist ein
sog. Tumorsuppressor Gen, dessen Genprodukt Menin Tumorwachstum verhindert.
Durch Veränderungen einer Nukleinsäure auf dem MEN-Gen wird ein falsches Genprodukt
gebildet. Dieses fehlerhafte Menin kann seiner Aufgabe, der Verhinderung von
Tumorwachstum, nicht mehr nachkommen. In der Folge kommt es zur Entstehung von Tumoren.
Da der Fehler" genetisch bedingt ist, also auf dem Gen der erkrankten Menschen
liegt, kann der betroffene Patient diesen Fehler an seine Nachkommen weitergeben. D.h. die
Erkrankung kann vererbt werden.
Aufgrund der genetisch bedingten Ursache der Erkrankung ist die Störung nicht heilbar.
Das Auftreten bedrohlicher Krankheitsformen kann jedoch im Frühstadium erfasst und
behandelt werden. Wichtig sind für die einzelnen Störungen eine rechtzeitige Diagnose,
so dass regelmäßige jährliche Untersuchungen, sog. Screening/Staging-Untersuchungen
notwendig sind.
Die, zur Verfügung stehenden Untersuchungsmöglichkeiten erlauben es,
Familienangehörige zu identifizieren, die Träger eines krankhaften MEN-Gens sind. Damit
lassen sich diejenigen Angehörige diagnostizieren die regelmäßig untersucht werden
müssen, da sie Träger des krankhaften Gens sind. Nur so kann rechtzeitig die Diagnose
der multiplen endokrinen Neoplasie gestellt werden. Gleichzeitig lässt sich feststellen,
wer NICHT Träger des Gens ist und keine routinemäßigen Untersuchungen
braucht.
Wird somit die Diagnose einer multiplen endokrinen Neoplasie gestellt, sollten
blutsverwandte Familienangehörige untersucht werden. Die Untersuchung auf ein krankhaftes
Gen sollte bereits im Kindesalter durchgeführt werden, bevor es zum Ausbruch der
Erkrankung kommt. Doppelbestimmungen werden empfohlen. Die Screening-Untersuchung auf ein
fehlerhaftes Gen sollte im Zusammenhang mit einer genetischen Beratung erfolgen. |