Diagnostik und Therapie neuroendokriner Tumore heute
Prof. Dr. Bertram Wiedenmann
Charité Universitätsmedizin, Campus Virchow-Klinikum
Medizinische Klinik m. S. Hepatologie und Gastroenterologie
Einleitung
Die Bezeichnung (neuro-)endokriner Tumor (NET) hat weltweite Geltung. Nur noch in
wenigen Einrichtungen werden die alten Bezeichnungen wie Carcinoid, APUDom, usw. benutzt.
Die Bezeichnung neuroendokrin" beruht auf gemeinsamen tumorbiologischen
Eigenschaften endokriner Zellen wie auch Nervenzellen (Neuronen). Gemeinsamkeiten beider
Zelltypen beinhalten z.B. einen sehr ähnlich aufgebauten Apparat im Zellinneren (sog.
Sekretionsapparat). Dieser zelluläre Apparat erlaubt es beiden Zellen gleichermaßen
Hormone und Nervenbotenstoffe freizusetzen. Ein weiteres wesentliches Merkmal
neuroendokriner Tumorzellen ist die Tatsache, dass diese sich in der Regel nur sehr
langsam vermehren. Dies liegt darin begründet, dass diese Zellen häufig molekulare
Webfehler" enthalten, die weiterhin einen anspruchsvollen Stoffwechsel
verbunden mit einer geringen Teilungsrate erlauben. Neuroendokrine Tumorzellen können
zunächst alleine oder in einem kleinen Tumorzellverband an ihrem Entstehungsort z. T.
über Jahre unbemerkt existieren. Wahrscheinlich gibt es sogar häufiger
Schlafzustände" des anfänglichen Tumorverbandes bis dieser sich vermehrt
ausbreitet. Zu einem bestimmten Zeitpunkt überschreitet dann der sich vergrößernde
Tumor die Organgrenzen und dringt in die Nachbarschaft ein. Zusätzlich können sich
vereinzelt Tumorzellen aus diesem ursprünglichen Tumorzellverband lösen und auf dem
Blut- und Lymphweg in andere Organe eindringen und sich dort festsetzen. Wesentlich bei
dieser Tumorzellausbreitung ist die Tatsache, dass sich die Tumorzellen in Abhängigkeit
des Ausgangsortes unterscheiden. Man spricht dann von unterschiedlichen
Ausbreitungsmustern. So scheinen in der Regel z. B. Tumore, die in der Bauchspeicheldrüse
entstehen, etwas schneller zu wachsen. Dementsprechend breiten sich diese mehr in andere
Organe aus als Tumoren, die z. B. in den unteren Dünndarmanteilen (Jejunum und Ileum)
entstehen. Dementsprechend teilt man in Abhängigkeit des ursprünglichen Entstehungsortes
des Tumors verbunden mit unterschiedlichen klinischen Verläufen und
Behandlungsmöglichkeiten neuroendokrine Tumore des gastroenteropankreatischen Systems in
drei Untergruppen ein:
- Tumore aus dem Vorderdarm
- Tumore aus dem Mitteldarm
- Tumore aus dem Enddarm
Ad 1.) Neuroendokrine Vorderdarmtumore nehmen ihren Ausgang aus
Organen wie der Bauchspeicheldrüse, dem Zwölffingerdarm, Magen, Bries (Thymus) und
Lunge. Am häufigsten beobachtet man in dieser Gruppe neuroendokrine Tumoren der
Bauchspeicheldrüse und der Lunge.
Ad 2.) Neuroendokrine Mitteldarmtumore finden sich v. a. im Krummdarm
(Jejunum) und im letzten Drittel des Dünndarms sowie Blinddarm (Wurmfortsatz) und
Anfangsteilen des Dickdarms. Die häufigsten in dieser Gruppe finden sich im letzten
Drittel des Dünndarms.
Ad 3.) Neuroendokrine Enddarmtumore finden sich v. a. im Bereich des
absteigenden Dickdarmschenkels, des sog. Sigmas und des Rektums. Letztgenannte sind am
häufigsten in dieser Gruppe.
Aus bisher unbekannten Gründen findet sich in ca. der Hälfte aller neuroendokriner
Tumore keine Hormonaktivität oder Funktionalität. Zwischen
hormonaktiven/funktionellen und hormoninaktiven/non-funktionellen Tumore findet sich
hierbei unter dem Mikroskop (morphologisch/mikroskopisch) kein Unterschied. Während diese
Aussage für ca. 90% aller NET gilt, gibt es eine kleinere Untergruppe, die sich dadurch
auszeichnet, dass sie relativ primitiv und wenig entwickelte Tumorzellen enthält. Diese
kleine Tumorgruppe ist durch ein schnelles Tumorwachstum gekennzeichnet. Zudem weisen
diese Tumore meist keine Hormonaktivität auf. Häufig enthalten diese Tumore keine
Empfängermoleküle für Somatostatin und Interferon mehr. Dementsprechend ist eine
Biotherapie mit Interferon und Somatostatin bei diesen primitiv entwickelten, sog.
entdifferenzierten oder anaplastischen NET auch nicht sinnvoll.
Diagnostik neuroendokriner Tumore
Neuroendokrine Tumoren des GEP-Systems werden häufig initial nicht erkannt. Hiermit
verbunden können Zeiträume von mehreren Jahren vergehen, bis die endgültige Diagnose
gestellt wird. Ohne großen technischen Aufwand lässt sich häufiger schon die
Verdachtsdiagnose NET stellen, wenn eine sorgfältige Erhebung der Krankengeschichte und
körperliche Untersuchung des Patienten erfolgt. Wesentlich für die
Diagnose ist hierbei die Kenntnis einzelner Krankheitsbilder, die im Rahmen einer
sorgfältigen und umfassenden Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese) und
körperlichen Untersuchung bei einem Großteil der Patienten Berücksichtigung
finden sollte. Wesentliche Merkmale der Krankengeschichte sind hierbei z. B.
- häufiger angegebene Durchfälle, die auch nachts nicht aufhören und über Wochen
vorhanden sein können
- Rötungen in der oberen Körperhälfte, v. a. Gesicht, die besonders nach
Alkoholeinnahme noch verstärkt werden (Flush).
Die Kombination von ausgeprägten Durchfällen und Flush wird als Karzinoid-Syndrom
bezeichnet. In diesen Fällen ist der Entstehungsort dieser NET v. a. im Bereich des
Dünndarms und der Lunge, jedoch nicht in der Bauspeicheldrüse oder Enddarm zu suchen.
Bewusstseinseinschränkungen können Ausdruck einer übermäßigen Freisetzung von Insulin
und einer damit verbundenen Unterzuckerung sein. Entstehungsort dieser NET ist praktisch
immer die Bauchspeicheldrüse. Ausgeprägte Magenbeschwerden können sich bei Patienten
mit neuroendokrinen Tumoren der Bauchspeicheldrüse finden lassen. Ursache hierfür ist
das im Übermaß ins Blut freigesetzte Hormon Gastrin (sog. Gastrinom). Dieses Hormon
wiederum stimuliert eine übermäßige Freisetzung von Salzsäure im Magen, welche dann zu
ausgedehnten Schleimhautgeschwüren im Bereich des Magens, Zwölffingerdarms und der
Speiseröhre führt.
Bei der körperlichen Untersuchung zeigt sich häufiger, v. a. bei
bereits vorliegenden Tumorabsiedlungen in der Leber eine Vergrößerung dieses Organs.
Seltener kann der Arzt auch einen größeren Darmtumor tasten. Bei Tumoren im Kopfbereich
der Bauchspeicheldrüse kann der Arzt wie auch der Patient selbst im fortgeschrittenen
Tumorstadium eine Gelbsucht beobachten. Bei Patienten mit ausgeprägtem Karzinoid-Syndrom
lassen sich in bis zu einem Drittel aller Fälle auch krankhafte Geräusche im Bereich der
Herzklappen feststellen.
Technische Möglichkeiten im Rahmen der Diagnostik umfassen einmal
eine mikroskopische Untersuchung des Tumorgewebes durch den Pathologen,
der hierzu gezielt einzelne Tumormarker einsetzen muss (z. B. Synaptophysin, Chromogranin
A und Ki67/MIB-1). Neben dem Einsatz o. g. Tumormarker im Tumorgewebe, sind einzelne
Tumormarker zusätzlich in Körperflüssigkeiten sinnvoll einsetzbar. So ist z.
B. in Abhängigkeit des Tumorursprungs eine Bestimmung von 5-Hydroxyindolessigsäure im
Urin (nur bei Mitteldarmtumoren und neuroendokrinen Tumoren des Bronchialsystems)
sinnvoll. Bei allen NET, bei denen Unsicherheit über die Tumorausdehnung existiert,
sollte die Bestimmung von Chromogranin A im Blut erfolgen. Für die Bildgebung steht an
erster Stelle die Ultraschalluntersuchung sowie der gezielte Einsatz der Magen- und
Darmspiegelung. Die Somatostatinrezeptorszintigraphie (Octreoscan) sollte gezielt nach der
Erhebung der Diagnose durch die mikroskopische Untersuchung und dem Ultraschall zum
Einsatz kommen. Darüber hinaus sollten gezielt in Abhängigkeit der Erfahrungen einzelner
Zentren mit unterschiedlichen bildgebenden Verfahren, z. B. Computertomographie und
Kernspintomographie, eines von beiden Verfahren zum Einsatz kommen.
Behandlungsmöglichkeiten bei neuroendokrinen Tumoren
Behandlung mit Somatostatin und Interferon-a
Die Freisetzung von Hormonen und Nervenübertragungsstoffen neuroendokriner Tumorzellen
erfolgt durch bestimmte Signale (z. B. Kalzium und Alkohol), die aus der Umgebung des
Tumor (z. B. auf dem Blutweg) zu den einzelnen Tumorzellen gelangen. Umgekehrt kann durch
Hemmung dieser Freisetzungssignale die Sekretion (Freisetzung) verhindert werden. Für die
Behandlung neuroendokriner Tumore sind hierzu im klinischen Alltag die beiden künstlich
hergestellten, körpereigenen Hormone, Somatostatin und Interferon-a bekannt.
Empfängermoleküle, sog. Rezeptoren existieren für Somatostatin und Interferon a in
einem Großteil neuroendokriner Tumoren und Tumorzellen. Die Behandlung mit diesen
Hormonen verfolgt zwei Ziele:
- Die Unterdrückung der übermäßigen Freisetzung von Hormon-aktiven Substanzen
- Das Verhindern des Tumorwachstums bzw. die Einschmelzung des Tumors
Während die Unterdrückung der Hormon-aktivität" häufig erfolgreich ist,
sind die Ergebnisse bzgl. einer Verringerung der Tumorgröße mit Somatostatin und
Interferon-a eher gering. Lediglich bei etwa einem Drittel aller Fälle lässt sich ein
Wachstumsstopp beobachten. Derzeit kommerziell erhältliche Somatostatin-Analoga ebenso
wie Interferon sind heute durchweg auch als Depotpräparate verfügbar. Diese
Depotpräparate werden entweder subkutan oder in den Muskel verabreicht und üben dann
über mehrere Tage bis Wochen ihre Wirkung aus. So existieren z. B. für Octreotid die
Depotform Sandostatin LAR®, die in 28-tägigem Rhythmus verabreicht wird. Für
Interferon-a existiert eine Depotform, die in 7-tätigen Abständen appliziert wird (z. B.
PegIntron®). In Ergänzung zu den im Handel erhältlichen
Somatostatin-Analoga, Octreotid und Lanreotid, befinden sich in der klinischen Erprobung
neue Somatostatine, die einzelne Untereinheiten, sog. Rezeptor-Subtypen, aus der Familie
Somatostatin-Rezeptoren gezielt binden können. Neben diesem sehr gezielten Ansatz gibt es
hierzu entgegengesetzt auch Versuche mit dem Einsatz eines neuen, künstlich hergestellten
Somatostatin, das alle Somatostatin-Rezeptoren bindet (sog. Pan-Ligand), eine verbesserte
Somatostatin-Wirkung zu erreichen. Letztgenannter Pan-Ligand befindet sich aktuell in der
Erprobung (SOM 230) und wird aktuell bezüglich seiner Wirksamkeit bei Patienten mit
ausgeprägtem Karzinoidsyndrom weltweit erprobt. Ziel ist, mit dieser Substanz sowohl die
Hormonaktivität wie auch das Tumorwachstum besser als mit herkömmlichen Substanzen zu
kontrollieren.
Alternative Behandlungsmethoden
Nur chirurgische Behandlungsverfahren bieten die komplette Heilung dieser
Tumorerkrankung an. Nicht-chirurgische Verfahren wie die medikamentöse,
radiotherapeutische oder sogar die sog. lokal ablative Behandlung führen bestenfalls zu
einer Tumorgrößenverringerung. Eine Chemotherapie sollte nur bei den relativ seltenen
primitiven sog. anaplastischen neuroendokrinen Tumoren und neuroendokrinen Tumoren der
Bauchspeicheldrüse und der Lunge zum Einsatz kommen.
Neue Behandlungsansätze
Weitere potentielle Behandlungsmöglichkeiten zeichnen sich durch den Einsatz von
Substanzen ab, die gezielt die Zellkernaktivität neuroendokriner Tumore einschränken. In
diesem Zusammenhang könnte mittelfristig der Einsatz von sog. COX 2-Inhibitoren (z. B.
Vioxx und Celebrex) in Kombination mit anderen Präparaten interessant sein. Darüber
hinaus könnte auch der Einsatz von - bereits bei anderen Tumoren erfolgreich eingesetzten
Wirkstoffen - interessant sein, die mit der Neuausbildung von Tumorgefäßen in
Wechselwirkung stehen. Bekanntlich zeichnen sich gerade neuroendokrine Tumoren durch eine
übermäßige Ausstattung von Tumorgefäßen aus, die für die Aufrechterhaltung des
ausgeprägt vorhandenen Stoffwechsels neuroendokriner Tumoren unabdinglich sind. Durch
eine Einschränkung der Energiezufuhr und den Abbau der Tumorgefäße ist eine
Einschränkung des Tumorwachstums bzw. eine Verkleinerung von einzelnen Tumoren denkbar.
Im nächsten halben Jahr soll im Rahmen einer in Berlin und Leicester, Großbritannien,
durchgeführten klinischen Studie dieses Konzept auf seine Wirkung hin untersucht werden.
Eine weitere Behandlungsmöglichkeit zeichnet sich durch den Einsatz
radioaktiv-markierter Somatostatin-Analoga ab. Erste Ergebnisse, die bisher von einander
getrennt in einzelnen Zentren gewonnen wurden, sind teilweise veröffentlicht. Diese
Ergebnisse weisen darauf hin, dass man mit diesem Verfahren eine
Tumorgrößeneinschränkung herbeiführen kann und in einem größeren Prozentsatz auch
die Funktionalität/Hormonaktivität dieser Tumoren einschränken kann. Vielversprechend
ist hierbei aus Sicht der Arbeitsgruppen in Rotterdam wie auch Basel der Ersatz des
Radionuklids 90Yttrium durch 177Lutetium. Diese Radionuklide sind
über eine sog. chemische Brücke mit dem Somatostatinanalog Octreotid verbunden.
Neben diesen medikamentösen Behandlungsansätzen sind aktuell auch gerade bei
Tumorabsiedlungen, die sich auf die Leber beschränken und nicht mehr chirurgisch
behandelbar sind sog. lokal-ablative Verfahren in der Erprobung. Hierbei stehen Verfahren
wie die Chemoembolisation in Konkurrenz zu Verfahren, in denen einzelne Tumoren durch
Einbringung von Sonden und nachfolgender Wärme- oder Kältebeschickung zerstört werden.
Bisher existieren hierzu jedoch keine vergleichenden Untersuchungen, um eine endgültige
Aussage zur Wertigkeit dieser Verfahren zu erlauben. |